Zum Inhalt springen
MalinoisJournal

Zucht und Genetik

HD und ED: wie eine Auswertung zustande kommt

Ein HD-Grad ist eine Beurteilung eines Bildes, kein Urteil über ein Leben. Was gemessen wird, wer misst und wie die Zahlen in der Zucht benutzt werden.

Röntgenbild eines Hundebeckens hängt auf einem Leuchtkasten, daneben liegt ein Winkelmesser auf der Ablage
Auf dem Leuchtkasten entscheidet sich, was später als ein Buchstabe auf dem Papier steht: Pfannentiefe, Einbettung des Femurkopfes und Anzeichen von Umbau.
Auf dieser Seite

Auf dieser Seite

  1. Was auf einer Hüftaufnahme zu sehen ist
  2. Wie die Aufnahme entsteht
  3. Die Gradeinteilung
  4. Ellbogen: eine eigene Skala
  5. Zuchtwerte: was eine Zahl über Nachkommen sagt
  6. Warum die Grundinformation über die Qualität entscheidet
  7. Was ein Grad für den einzelnen Hund bedeutet

Hinter einem einzelnen Buchstaben auf einem Zuchtpapier steckt eine Kette aus Lagerung, Aufnahme, Vermessung und Beurteilung, und an jedem Glied dieser Kette entstehen Ungenauigkeiten. Dieser Beitrag beschreibt die Kette. Die Angaben stammen aus den am 02.09.2026 veröffentlichten Zuchtvoraussetzungen des Rassevereins, aus der Zucht-Ordnung des Dachverbandes in der Fassung vom 01.09.2024 und aus einer für diese Rasse veröffentlichten Studie zur Hüftqualität.

Was auf einer Hüftaufnahme zu sehen ist

Die genannte Studie beschreibt den Gegenstand knapp: einig sei man sich darüber, dass eine tief ausgeformte Gelenkpfanne und ein darin gut eingebetteter Femurkopf die wesentlichen Elemente seien. Lockere Gelenke führen bei Bewegungen mit starker Krafteinwirkung zu einer Teilverrenkung, dabei entstehen Sekundärschäden am Pfannenrand, und aus entzündlichen Prozessen können Zubildungen und Umbildungen folgen. Ob und wie stark diese entstehen, hängt nach derselben Quelle stark von den Umweltbedingungen ab. Genau das ist der Grund, warum ein Röntgenbild nicht nur Erbanlagen zeigt.

Wie die Aufnahme entsteht

Geröntgt wird in Rückenlage mit gestreckten Hintergliedmaßen. Diese Technik provoziert die Teilverrenkung bei lockeren Gelenken, macht sie sichtbar und messbar. Die Aufnahme geht anschließend an eine benannte Auswertungsstelle. Der Dachverband schreibt in seiner Ordnung dazu eine Regel gegen Interessenkonflikte fest: untersuchende oder auswertende Personen dürfen die eigenen Hunde, die Hunde von in Hausgemeinschaft lebenden Personen und die von ihnen selbst gezüchteten Hunde nicht selbst befunden. Werden mehrere Vereine für eine Rasse tätig, sollen sie sich möglichst auf dieselbe Auswertungsstelle einigen, damit die Ergebnisse vergleichbar bleiben.

Die Gradeinteilung

Die Einstufung folgt der Gradeinteilung nach den Empfehlungen des internationalen Dachverbandes, also fünf Graden von A bis E. Der Rasseverein arbeitet zusätzlich mit einer Unterteilung der Grade, also A1, A2, B1, B2 und so fort, und lässt für die Zucht die Grade A und B zu. Diese Feinheit ist kein Detail: sie entscheidet darüber, wie fein die Grundinformation ist, aus der später ein Zuchtwert berechnet wird.

Verteilung der Hüftbefunde in der Studie an 235 Tieren, Aufnahmen aus 2004 und 2005
GradAnteil in der StichprobeKurzbeschreibung
A111,1 Prozentbestes Ergebnis der Skala
A267,3 Prozenthäufigste Einstufung der Stichprobe
B111,5 ProzentÜbergangsbereich, für die Zucht zugelassen
B26,6 ProzentÜbergangsbereich, für die Zucht zugelassen
höhere Gradeum oder unter 1 Prozent je Gradvon der Zucht ausgeschlossen

Diese Zahlen stammen aus der genannten Studie und beschreiben deren Stichprobe: 235 Röntgenfilme aus dem Archiv des Vereins, aufgenommen in den Jahren 2004 und 2005. Sie sind keine Aussage über die heutige Population und erst recht keine Vorhersage für einen einzelnen Hund. Das Jahr der Veröffentlichung ist in dem Dokument nicht angegeben; deshalb wird hier das Jahr der Aufnahmen genannt.

Ellbogen: eine eigene Skala

Der Ellbogen wird getrennt beurteilt und auf einer eigenen Skala eingestuft. Der Rasseverein verlangt für die Zuchtzulassung das Ergebnis frei oder Grenzfall. Die genaue Staffelung der höheren Stufen dieser Skala ließ sich in der geltenden Fassung der Vereinsunterlagen am Tag der Redaktion nicht zweifelsfrei nachlesen und wird hier deshalb nicht mit Zahlen gefüllt.

Zuchtwerte: was eine Zahl über Nachkommen sagt

Ein Zuchtwert schätzt nicht den Zustand des einzelnen Hundes, sondern das zu erwartende Ergebnis seiner Nachkommen. Der Rasseverein lässt dafür in seiner Zuchtdatenbank rechnen, unter Einbeziehung aller Verwandteninformationen, und weist die Ergebnisse als Relativzuchtwerte mit dem Mittelwert 100 für den Rassedurchschnitt und einer Standardabweichung von 10 Punkten aus. Der Dachverband nennt die Zuchtwertschätzung ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung erblicher Defekte, sofern die Informationsdichte ausreicht. Diese Bedingung ist die eigentliche Pointe: eine Schätzung ist so gut wie die Zahl der gemeldeten Befunde.

Warum die Grundinformation über die Qualität entscheidet

Die Studie hat genau das gemessen. Für die Gutachten der Hüfte ergab sich eine Erblichkeit von 0,248, und die Ähnlichkeit zwischen Eltern und Nachkommen lag bei 225 Tieren mit vollständigen Angaben bei einer Korrelation von 0,25; die routinemäßige Schätzung des Vereins rechnet mit demselben Wert. Für das dort geprüfte Vermessungsverfahren ergab sich dagegen eine Erblichkeit von 0,439. Übersetzt heißt das: eine feinere Messung sagt mehr über die Vererbung aus als eine Einteilung in wenige Klassen. Die Studie schließt daraus, dass eine Zucht auf den gemessenen Index die Häufigkeit der Dysplasie stärker senken würde als eine Zucht gegen die Gutachtenklassen.

Merksatz

Ein Grad beschreibt ein Bild von einem Tag, ein Zuchtwert eine Erwartung an Nachkommen. Keines von beidem sagt, ob dieser Hund mit sieben Jahren lahmen wird.

Was ein Grad für den einzelnen Hund bedeutet

Wenig, und das ist die unbequemste Auskunft dieses Beitrags. Die Studie weist selbst darauf hin, dass die Beurteilung umweltbedingte Veränderungen einbezieht, die nicht vererbt werden, und dass die Differenzierung im Bereich gesunder Tiere den Eindruck erwecken kann, Hunde mit einer mittleren Einstufung seien gesundheitlich beeinträchtigt, was real nicht der Fall sein muss. Wer eine Aussage über den Bewegungsapparat eines bestimmten Hundes braucht, bekommt sie in der Praxis, die ihn untersucht, und nicht aus einer Buchstabenskala, die für die Zucht gemacht wurde.