Zucht und Genetik
Welpenentwicklung von der Geburt bis Woche sechzehn
Die ersten vier Monate entscheiden mehr als jede spätere Trainingsmethode. Die Phasen in ihrer Reihenfolge, ohne die üblichen Fristenmythen.
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Über die ersten Lebenswochen eines Hundes wird viel mit Wochenzahlen hantiert, die klingen, als wären sie Naturgesetze. Verlässlich sind zwei Dinge: die grobe Abfolge der Phasen, über die in der Verhaltensbiologie weitgehend Einigkeit besteht, und die Vorschriften, die in Deutschland für die Haltung von Welpen gelten. Dieser Beitrag hält beides auseinander und schreibt Zeiträume als Spannen, nicht als Stichtage. Er stellt keinen Wurf vor und gibt keine Auswahlhilfe für einen Welpen.
Die neonatale Phase
In den ersten Lebenstagen ist der Welpe auf Wärme, Nahrung und den Kontakt zur Hündin angewiesen. Augen und Gehörgang sind geschlossen und öffnen sich im Lauf der ersten beiden Lebenswochen mit deutlicher individueller Streuung; die Fortbewegung ist ein Kriechen, keine Bewegung auf vier Beinen. Wie empfindlich diese Zeit ist, zeigt die Tierschutz-Hundeverordnung des Bundes: sie verlangt vom Züchter, im Liegebereich der Welpen eine Lufttemperatur zu gewährleisten, die Unterkühlung oder Überhitzung verhindert, und geht während der ersten zwei Lebenswochen in der Regel bei einer Lufttemperatur unter 18 Grad Celsius von Unterkühlung aus.
Die Übergangsphase
Mit dem Öffnen von Augen und Ohren beginnt die Zeit, in der sich Wahrnehmung und Bewegung schnell verändern. Der Welpe steht, kippt, geht, entdeckt Wurfgeschwister als Spielpartner und beginnt, Laute einzusetzen. Beobachtbar sind Reaktionen auf Licht, Geräusch und Berührung. Nicht beobachtbar ist irgendetwas, das über den späteren Charakter Auskunft gäbe.
Die Sozialisierungsphase
Danach folgt das Zeitfenster, in dem neue Reize am leichtesten positiv verknüpft werden: Menschen, Untergründe, Geräusche, Fahrzeuge, andere Tiere, Alleinsein in kleinen Dosen. Die genauen Grenzen dieses Fensters werden von verschiedenen Autoren unterschiedlich angegeben, und deshalb steht hier keine Wochenzahl als Stichtag. Entscheidend ist nicht das Datum, sondern die Dosis: viele kurze, freundlich verlaufende Begegnungen wiegen mehr als ein langer Ausflug, der den Welpen überfordert.
| Phase | Zeitraum | Beobachtbar | Häufiger Irrtum |
|---|---|---|---|
| neonatal | erste Lebenstage bis etwa zwei Wochen | Wärmebedarf, Saugen, Kriechen, geschlossene Sinne | Stille wird als Zufriedenheit gelesen statt als Unreife |
| Übergang | etwa zweite bis dritte Lebenswoche | Augen und Ohren öffnen sich, erste Schritte | frühe Reaktionen werden als Charakter gedeutet |
| Sozialisierung | mehrere Wochen, Grenzen je nach Autor verschieden | Neugier, Erholung nach Schreck, Lernen am Reiz | ein Stichtag, nach dem angeblich nichts mehr geht |
| Umzug und Jugend | ab dem Ende der achten Woche | Bindung an neue Bezugspersonen, Erschöpfung | Erziehung wird vor Eingewöhnung gesetzt |
Was die Verordnung zur Haltung von Welpen verlangt
Die Tierschutz-Hundeverordnung, zuletzt geändert durch die Verordnung vom 25. November 2021, enthält mehrere Pflichten, die genau in diesen Zeitraum fallen.
- Eine Wurfkiste ist spätestens drei Tage vor dem erwarteten Geburtstermin bis zum Absetzen der Welpen zur Verfügung zu stellen; die Hündin muss darin in Seitenlage ausgestreckt liegen können.
- Eine Hündin mit Welpen muss sich von ihren Welpen zurückziehen können.
- Werden Welpen in Räumen gehalten, ist ihnen ab einem Alter von fünf Wochen mindestens einmal täglich für eine angemessene Dauer Auslauf im Freien zu gewähren.
- Welpen bis zu einem Alter von zwanzig Wochen ist mindestens vier Stunden je Tag Umgang mit einer Betreuungsperson zu gewähren.
- Ein Welpe darf erst im Alter von über acht Wochen vom Muttertier getrennt werden, außer eine frühere Trennung ist nach tierärztlichem Urteil zum Schutz von Hündin oder Welpe erforderlich.
Die Zucht-Ordnung des Dachverbandes legt daneben fest, dass Züchter Deckakte und Würfe unverzüglich melden und den beauftragten Zuchtwarten die Kontrolle des Wurfes, der Mutterhündin und der Aufzuchtbedingungen ermöglichen müssen.
Merksatz
Acht Wochen sind eine gesetzliche Untergrenze, kein Abholtermin. Alles, was in dieser Zeit versäumt wird, kostet später ein Vielfaches an Training.
Was in dieser Zeit beobachtbar ist und was nicht
Beobachtbar ist der Zustand: ob ein Welpe frisst, zunimmt, sich bewegt, auf Geräusche reagiert, nach einem Schreck zurückfindet und Kontakt zu Menschen sucht. Beobachtbar ist auch die Umgebung, in der er aufwächst, also Untergründe, Geräuschkulisse, Betreuungsdichte und der Umgang der Menschen mit dem Wurf. Nicht beobachtbar ist alles, was Prognose wäre: Arbeitseignung, spätere Nervenstärke, Höhe des Triebs. Diese Eigenschaften entstehen aus Anlage, Erfahrung und Ausbildung, und keine Momentaufnahme aus der siebten Lebenswoche nimmt sie vorweg. Wer in dieser Zeit etwas Belastbares über einen Wurf erfahren will, sieht sich die Bedingungen an, unter denen er aufwächst, und nicht das einzelne Tier.
Der Umzug ins neue Zuhause
Der Wechsel ist für den Welpen ein Abbruch aller Gewohnheiten auf einmal: Wurfgeschwister, Hündin, Geräusche, Gerüche, Untergründe. In den ersten Tagen zählt deshalb Erholung mehr als Programm. Was hier praktisch ansteht, vom Stubenreinwerden bis zum ersten Alleinbleiben, behandelt der Beitrag über die ersten zwei Jahre.
Verbreitete Fristenmythen
Drei halten sich hartnäckig. Erstens die feste Frist, nach der Sozialisierung angeblich abgeschlossen sei; die Grenzen des Fensters werden in der Literatur unterschiedlich gezogen, und Lernen hört danach nicht auf. Zweitens die Vorstellung, ein früherer Umzug bringe eine engere Bindung; die Verordnung setzt aus gutem Grund eine Untergrenze. Drittens die Idee, sich aus dem Verhalten eines sieben Wochen alten Welpen der spätere Arbeitshund ablesen ließe. Testverfahren dieser Art werden hier nicht als vorhersagekräftig dargestellt, weil dazu keine zitierbare Quelle vorliegt.